Ätsch- Wir sind unangenehm!

Der Aufschrei ist nicht zu übersehen. Seit ein paar Tagen heisst es, die Lesben seien sauer auf Schwule. Und hätten ihnen öffentlich-medial den Kampf angesagt. Denn Fall werde ich nicht zusammenfassen, dafür sind die Texte, auf die ich mich beziehe, hier verlinkt.

Ich habe als Co-Präsidentin der LOS (aber vor allen Dingen als Privatperson) mir an dieser Stelle erlaubt, ein paar Aussagen hervorzuheben und zu kommentieren, die nach der Veröffentlichung der Medienmitteilung der Lesbenorganisation Schweiz LOS vom 18.7.2016 und dem daraus entstandenen Artikel vom Blick im Netz aufgetaucht sind:

„In der Medienmitteilung findet sich auch kein einziges Wort der Selbstkritik zur eigenen mangelhaften Öffentlichkeitsarbeit, wohl aber eine Klageschrift über die ungleichen finanziellen Mittel. Die Medienmitteilung hört sich für mich denn auch eher wie eine Tirade als konstruktive Kritik an.“

„Die Presse ist ein freies Organ, worauf sie ihren Fokus richtet lässt sich nicht erzwingen/erbetteln/erwarten. Organisationen, welche sich eine bessere Pressepräsenz erarbeitet haben als andere (das geschieht nicht von heute auf morgen) erhalten auch mehr publicity. Die Austragungsort (sic!) erinnert mich sehr an die Medienstrategie von FN, AfD etc. Ist kurzfristig wirksam (LOS kommt in den Medien) jedoch nur bedingt (LOS erscheint nicht gerade im besten Licht). Kommunikationstechnisch würde ich eher auf Initiative und aktives vermarkten setzen, als sich so zu inszenieren.“

„Über den Blick. Das hat „grosse Klasse“ liebe Lesben *ächz*. Immer feste beleidigt sein…“

Typisch LOS. Spielt es eine Rolle welche Organisation für uns einsteht? Ich bin froh und dankbar für die Arbeit, die Pink Cross leistet. Sie vertritt uns alle, nicht „nur“ Frauen.“

„Schade , dass LOS diesen Weg gewählt hat und keine eigenen Themen auf dem Tablett hat …Pinkcross bevorzugt den Weg des Gesprächs und nicht der Presse… Insbesondere mit dem neuen Co-Präsidium und der Geschäftsstelle… Schade um den Ruf der LOS.“

 „[…] ich fühle mich auch mehr von PC vertreten als von LOS…“ (- von einer Frau verfasst)

Fangen wir mal bei der Definition von Pink Cross an. Auf Wikipedia steht gleich im ersten Satz: „Pink Cross ist eine Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisation von Schwulen in der Schweiz mit Sitz in Bern. […] Die Organisation setzt sich für Antidiskriminierung und Anerkennung homosexueller Paare in der Schweiz ein.“ (Stand: 20.7.2016)

Auf der Homepage der Organisation selbst findet sich unter „Geschichte“ folgende Information: „5. Juni 1993: PINK CROSS wird im „Anderland“ in Bern als neue umfassende Dachorganisation der Schweizer Schwulen gegründet.“ (Stand: 20.7.2016)

Nun, machen wir uns nichts vor: Pink Cross ist vor allen Dingen eine Organisation, die Schwule vertritt. Sie ist keine allumfassende LGBT-Organisation. Es wäre allerdings ein wenig seltsam, wenn sie beispielsweise nur  eine „Ehe für Schwule“ einfordern würde. Deshalb ist Pink Cross eine Organisation, die sich vor allem für die Anerkennung homosexueller Paare einsetzt. – Das müsste die LOS und das gesamte Lesbenvolk doch glücklich machen, wenn es eine Organisation gibt, die sie in der Öffentlichkeit vertritt, oder? Nun, wie soll ich das ausdrücken?  NEIN! Und zwar aus folgenden Gründen:

Die Zauberwörter heissen Sexismus und Intersektionalität.

„Unter Intersektionalität wird dabei verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen.“

Aus: Walgenbach, Katharina (2012): Intersektionalität als Analyseperspektive heterogener Stadträume. In: Scambor, Elli/ Zimmer, Fränk (Hg.): Die intersektionelle Stadt. Geschlechterforschung und Medien an den Achsen der Ungleichheit. Bielefeld, S. 82.

Lesben sind – oh welche Erkenntnis – gleichzeitig auch Frauen. Leider muss man diese Tatsache immer wieder betonen. Sie werden also nicht nur diskriminiert, weil sie lesbisch sind, sondern auch benachteiligt, weil sie Frauen sind. Wer hier Mühe mit der Argumentation hat, sollte dringend den Begriff „Patriarchat“ googeln. (Sexistische) Diskriminierung und Sexismus sind komplexe Mechanismen, die täglich reproduziert werden. Davon sind auch Angehörige einer LGBT-Community nicht ausgeschlossen. Nun, es ist ja grundsätzlich eine sehr schöne Sache, wenn eine Schwulenorganisation, die vor allem privilegierte weiße Männer vertritt, der LGBT-Community eine Stimme geben will (oder zumindest von den Medien als so offen wahrgenommen wird). Problematisch wird es, wenn dies die einzig wahrgenommene Stimme ist, und sich lesbische Frauen selbst von einer Organisation wie Pink Cross besser vertreten fühlen als von der Lesbenorganisation Schweiz. Frauen hatten schon immer mit ihrer Unsichtbarmachung zu kämpfen. Das hat wenig mit mangelnder Öffentlichkeitsarbeit oder finanziellen Mitteln zu tun. Sicher, das sind auch relevante Faktoren und der LOS kann ruhig vorgeworfen werden, dass sie lange geschlafen hat. Aber dieser Dornröschenschlaf ist schon seit Monaten vorbei. Die LOS zeigt immer wieder Präsenz: Beispielsweise auf der Pride in Fribourg und Zürich, am Gay West Festival in Bern oder durch die Beteiligung an Projekten wie die LGBT+ Helpline Schweiz oder SOS. Darin sind übrigens auch Organisationen wie TGNS involviert. Aber das wissen die meisten wohl nicht. Denn für die Medien scheinen privilegierte, weiße Schwule ausreichende Repräsentanten für eine Community zu sein, die vielfältiger nicht sein könnte. Jüngste Beispiele für einseitige Berichterstattung sind zum einen der Artikel vom 20. Juni 2016 im Migros-Magazin, zum anderen die Artikel zum trans*- und homophoben Vorfall in Orlando. In der Print-Ausgabe des MM war kein Wort darüber zu lesen, dass auch LOS, TGNS, PinkCop, Du bist Du und Queeramnesty Projekt-Partner sind. Die Organisationen wurden in der Online-Ausgabe erst nachträglich hinzugefügt. Was die Artikel zu Orlando betrifft, muss sich die BLICK-Zeitung, welche die Medienmitteilung der LOS als Kampfansage an Schwule inszeniert, an die eigene Nase fassen. Am 13.6.2016 schrieb sie über ein Attentat auf einen „Schwulen-Club“. Tatsache ist, dass im Pulse auch Trans*Menschen und Lesben anwesend waren. Dass in den Medien nur Schwule genannt werden, wenn eigentlich auch Lesben gemeint sind, ist kein neues Phänomen. Ähnlich, wie wenn Frauen angeblich mitgedacht sind, wenn das generische Maskulinum gebraucht wird (z.B. wird Lehrer geschrieben, wenn Lehrerinnen und Lehrer gemeint sind). Das ist traurig. Noch trauriger ist, dass Trans*Menschen oft komplett vergessen werden.

Einer, der die Kritik der LOS verstanden hat, ist Daniel Frey von gayRadio. Ich empfehle deshalb die Lektüre folgenden Blogeintrags „Nicht nur Lesben sauer auf die Presse“: http://stinknormal.ch/2016/07/19/nicht-nur-lesben-sauer-auf-die-presse/

Und dafür setzt sich die LOS immer wieder ein. Damit auch Minderheiten innerhalb von Minderheiten sichtbar werden. Es ist kaum zu übersehen, dass auch die LOS sich für LGBT-Anliegen  und mehr Vielfalt einsetzt. Wir leben diese Vielfalt, haben people of color, kleine, große, dicke, dünne, alte, junge Menschen, cis- und trans*gender-Frauen im Vorstand. Aber wir würden uns nie anmassen, auf einmal für die gesamte Trans*Community zu sprechen. Dafür gibt es glücklicherweise kompetente Organisationen wie TGNS. Es gilt nicht, eine einzige gemeinsame Identität zu finden, da Vielfalt ein wesentlicher Bestandteil der LGBT-Community ist und man meiner Meinung nach Macht-Ungleichgewichten am besten entgegentreten kann, wenn jeder Gruppe eine Stimme verliehen, anstatt dass sie mundtot gemacht wird. Wenn Schwule und andere allerdings „typisch LOS“ schreien und der Meinung sind, dass sich die LOS zufrieden geben muss, wenn vor allem Pink Cross ihr eine Stimme verleiht, tun sie genau das. Die LOS hat eine eigene Stimme. Sie ist in den letzten Monaten lauter geworden und das ist auch gut so. Das bedeutet nicht, dass sie „sauer“ oder „beleidigt“ ist. Aber diese alte Leier kennen wir auch: Frauen, die selbstbewusst auftreten, die unangepasst und unbequem sind, werden als zickig, böse, hysterisch, oder gar als hässliche Femi-Nazis abgestempelt.

Die Berufung auf eine gemeinsame Identität mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, um politische Ziele nach aussen zu vertreten und zu erreichen. Sinnvoll wäre, um es mit Judith Butler auszudrücken, eine Allianz von Individuen und Gruppen, die zwar nicht frei von Auseinandersetzungen sind, aber selbstreflexiv und selbstkritisch damit umgehen können.

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