Warum ich keine Frauenliteratur schreibe

Mein Debütroman „Ein letztes Mal wir“ ist nun seit sechs Wochen im Handel erhältlich. Seitdem haben mich zahlreiche wunderschöne Rezensionen erreicht, Facebook-Nachrichten und E-Mails von Menschen, denen mein Buch gefällt. Ich spreche an dieser Stelle absichtlich  von Menschen und nicht nicht nur von lesbischen Frauen, weil bisher auch heterosexuelle Männer und Frauen, Trans*Menschen und Schwule mein Buch in den Händen gehalten und gelesen haben. Besonders erfreut war ich über folgende Worte einer Rezensentin, die mich kürzlich erreicht haben:

„Dieser Roman war meine erste gelesene Liebesgeschichte über zwei lesbische Frauen, die den Alltag als verheiratete Frauen teilen. Mit diesem Roman gab mir die Autorin einen Einblick in die Welt lesbischer Beziehungen, Gefühle und Alltäglichkeiten. Mich berührten der Humor der Charaktere, die beschriebenen Gefühle zwischen den Frauen und auch die Ernsthaftigkeit, die in dieser Geschichte stecken. Eine schöne Geschichte über die Liebe und die Selbstbestimmung über das Leben hinaus.“

Heute entdeckte ich darunter mit Erstaunen folgende Kommentare von zwei unterschiedlichen Menschen:

„Schön das (sic!) es dir so gut gefallen hat. Für mich ist es wohl eher nichts.“

„Ich weiß nicht, ob ich unbedingt einen Roman über eine Gleichgeschlechtliche Liebe lesen will. Die Schauplätze locken mich jedoch…“

Nur, damit das klar ist: Ich erwarte nicht, dass jede*r an meinem Roman Gefallen findet. Jedoch frage ich mich, welche Lebenskonzepte und Vorstellungen hinter solchen Aussagen stecken.

Wenn man Glück hat, findet man in den größten Buchhandlungen der Schweiz vielleicht ein halbes Regal zu Literatur mit homosexuellen, queeren und Trans*gender Menschen als Protagonist*innen. In den restlichen Büchern geht es um Figuren, die sich als heterosexuell identifizieren. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören Werke wie Harry Potter, Twilight, Die Tribute von Panem, aber auch Faust, Die Leiden des jungen Werther, Sturmhöhe, Effi Briest und Homo Faber. Ich könnte die Liste unendlich fortsetzen. In all diesen Werken sind die Hauptfiguren heterosexuell. Hätte ich in meiner Jugend gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich über heterosexuelle Liebe lesen will, weil ich anders empfinde, dann wäre ich heute wahrscheinlich ziemlich in meinem Wissen eingeschränkt. Ich habe all diese Werke nicht mit weniger Spannung oder Interesse gelesen, habe mich nicht geekelt vor den darin enthaltenen Sexszenen oder das Gefühl gehabt, dass die darin beschriebenen Welten nichts mit mir zu tun haben. Fakt ist, dass wir Menschen unabhängig  von der sexuellen Orientierung und Genderidentität alle die gleichen Empfindungen haben. Ich lese Bücher vor allem, weil mich die Geschichte und/oder ein bestimmtes Thema interessiert. Ich lasse ein Buch nicht in der Buchhandlung liegen, nur weil die Figuren heterosexuell sind. Deshalb bin ich auch so erstaunt darüber, dass vielen Lesenden die Lebenswelten von LGBT*-Menschen so fremd vorkommen. Ich verstehe mich auch nicht als Autorin, die Frauenliteratur oder Literatur für Lesben produziert. Was ist schon Frauenliteratur? Literatur, die von Frauen geschrieben ist? Aber was soll eine Frau genau sein? Und warum ist diese Information überhaupt relevant in diesem Kontext? Ist Frauenliteratur Literatur für Frauen? Können wir uns nicht endlich von der Vorstellung trennen, dass Frauen sich vor allem für bestimmte Themen oder Genres interessieren? Dass sie überhaupt andere Interessen haben als Männer, und das nur, weil sie eben Frauen sind? Ist Frauenliteratur Literatur über Frauen? Auch hier distanziere ich mich von dieser Definition. Mein Buch ist über Menschen, über Sterbehilfe, über Liebe und Trauer. Klar, die Protagonistinnen sind zwei lesbische Frauen. Aber über sie habe ich geschrieben, weil sie Teil meiner eigenen Lebenswelt sind und ein Recht darauf haben, sichtbar zu sein. Wir leben in einer Welt der Vielfalt. Diese Vielfalt will ich in meinen Büchern zeigen und ich hoffe, dass sie niemanden davon abhalten wird, sie deshalb zu lesen.

Ein Gedanke zu “Warum ich keine Frauenliteratur schreibe

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s