Siehst du mich, Big Bro?

Wer „Ein letztes Mal wir“ bereits in den Händen gehalten hat, fragt sich bestimmt, wer dieser Claudio ist, dem ich auf Seite 5 mein Buch widme. Nun, ich mache kein großes Geheimnis daraus. Claudio war mein Bruder. Er starb am 18. August 2014 an Krebs im Alter von nur 46 Jahren. Genau wie meine Protagonistin Meike bekam er nach einem bösartigen Tumor an der Niere zusätzlich Lungenkrebs. Zwischen Diagnose und Todestag lagen etwas weniger als sechs Monate. Kurz vor seinem Tod sagte ich ihm, dass sich der Querverlag für mein Projekt interessierte. Er freute sich für mich und mit mir.

Mein Bruder war ein (Lebens-)Künstler, hatte sich in der Jugend selbst das Keyboard-Spielen beigebracht, komponierte eigene Songs und schrieb Gedichte. Claudio verstand mich. Er wusste, was es bedeutet, einen Traum zu verfolgen. Uns kam zu Beginn seiner Krankheit die Idee, einen gemeinsamen Roman zu verfassen. Seine große Stärke war die Fantasie, meine der sichere Umgang mit der deutschen Sprache. Wir trafen uns, generierten erste Ideen. Dann wurde mein großer Bruder mit jedem Tag schwächer. Schnell war klar, dass wir es nicht mehr schaffen würden, den Plot oder die Figuren fertig durchzudenken. Wir schafften es ja kaum noch, miteinander zu reden. Das einzige, was wir am Ende noch tun konnten, war schweigend Händchen zu halten. Ich versprach ihm, die Notizen aufzubewahren und eines Tages den Roman für beide fertig zu schreiben. Er freute sich. Ich denke, ich werde noch ein wenig Zeit brauchen, bevor ich wieder bereit bin, mich mit dem Projekt zu befassen. Aber ich werde es tun.

Dass ich über Krebs und Sterbehilfe schrieb und mein Bruder ausgerechnet in jener Zeit erkrankte, ist Zufall. Vor allem nach seinem Tod musste ich, mitten in der Trauerphase, eine wichtige Entscheidung treffen. Entweder das Manuskript auf Eis legen oder weiterschreiben. Ich entschied mich fürs Weitermachen. Für mich war allerdings klar: Ich wollte weder ein stark autobiographisches Buch noch ein trauriges oder deprimierendes verfassen. Und so wurde „Ein letztes Mal wir“ beides. Ein Buch, dass die Menschen berührt, sie zum Nachdenken anregt, sie zum Weinen, aber auch sehr häufig zum Lachen bringt.

Als im letzten Oktober die Zusage vom Verlag kam, ging ich in den Friedwald, in dem Claudio unter einem Ahornbaum liegt, und erzählte ihm, den Baumstamm umarmend und in Tränen aufgelöst, von meinem Erfolg. Mein Buch ist seit zwei Tagen im Handel. Ich bin begeistert, und doch macht mich die Veröffentlichung auch nachdenklich. Claudio wird mein Buch nie anfassen, es nie lesen können. Er wird nie über meine lustigen Passagen lachen, nie mit mir über die Themen, die ich in „Ein letztes mal Wir“ behandelt habe, diskutieren. Ich hoffe, dass wenigstens ganz viele andere an meinem Roman Freude haben werden. Der Gedanke, seinen Namen, auf Papier gedruckt, irgendwo in fremden Bücherregalen zu wissen, tröstet mich.

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2 Gedanken zu “Siehst du mich, Big Bro?

  1. Ich bin mir absolut sicher, dass Claudio dich sieht und enorm stolz auf dich ist. Und dass er sich sehr über die Widmung gefreut hat.

    Hut ab vor deinem Mut und deiner Stärke, das Projekt durchzuziehen und nicht aufzugeben.

    Es ist ein tolles Buch geworden; genau das Buch, dass Claudio verdient hat.

    Fühl dich ganz fest umarmt.

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