Ätsch- Wir sind unangenehm!

Der Aufschrei ist nicht zu übersehen. Seit ein paar Tagen heisst es, die Lesben seien sauer auf Schwule. Und hätten ihnen öffentlich-medial den Kampf angesagt. Denn Fall werde ich nicht zusammenfassen, dafür sind die Texte, auf die ich mich beziehe, hier verlinkt.

Ich habe als Co-Präsidentin der LOS (aber vor allen Dingen als Privatperson) mir an dieser Stelle erlaubt, ein paar Aussagen hervorzuheben und zu kommentieren, die nach der Veröffentlichung der Medienmitteilung der Lesbenorganisation Schweiz LOS vom 18.7.2016 und dem daraus entstandenen Artikel vom Blick im Netz aufgetaucht sind:

„In der Medienmitteilung findet sich auch kein einziges Wort der Selbstkritik zur eigenen mangelhaften Öffentlichkeitsarbeit, wohl aber eine Klageschrift über die ungleichen finanziellen Mittel. Die Medienmitteilung hört sich für mich denn auch eher wie eine Tirade als konstruktive Kritik an.“

„Die Presse ist ein freies Organ, worauf sie ihren Fokus richtet lässt sich nicht erzwingen/erbetteln/erwarten. Organisationen, welche sich eine bessere Pressepräsenz erarbeitet haben als andere (das geschieht nicht von heute auf morgen) erhalten auch mehr publicity. Die Austragungsort (sic!) erinnert mich sehr an die Medienstrategie von FN, AfD etc. Ist kurzfristig wirksam (LOS kommt in den Medien) jedoch nur bedingt (LOS erscheint nicht gerade im besten Licht). Kommunikationstechnisch würde ich eher auf Initiative und aktives vermarkten setzen, als sich so zu inszenieren.“

„Über den Blick. Das hat „grosse Klasse“ liebe Lesben *ächz*. Immer feste beleidigt sein…“

Typisch LOS. Spielt es eine Rolle welche Organisation für uns einsteht? Ich bin froh und dankbar für die Arbeit, die Pink Cross leistet. Sie vertritt uns alle, nicht „nur“ Frauen.“

„Schade , dass LOS diesen Weg gewählt hat und keine eigenen Themen auf dem Tablett hat …Pinkcross bevorzugt den Weg des Gesprächs und nicht der Presse… Insbesondere mit dem neuen Co-Präsidium und der Geschäftsstelle… Schade um den Ruf der LOS.“

 „[…] ich fühle mich auch mehr von PC vertreten als von LOS…“ (- von einer Frau verfasst)

Fangen wir mal bei der Definition von Pink Cross an. Auf Wikipedia steht gleich im ersten Satz: „Pink Cross ist eine Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisation von Schwulen in der Schweiz mit Sitz in Bern. […] Die Organisation setzt sich für Antidiskriminierung und Anerkennung homosexueller Paare in der Schweiz ein.“ (Stand: 20.7.2016)

Auf der Homepage der Organisation selbst findet sich unter „Geschichte“ folgende Information: „5. Juni 1993: PINK CROSS wird im „Anderland“ in Bern als neue umfassende Dachorganisation der Schweizer Schwulen gegründet.“ (Stand: 20.7.2016)

Nun, machen wir uns nichts vor: Pink Cross ist vor allen Dingen eine Organisation, die Schwule vertritt. Sie ist keine allumfassende LGBT-Organisation. Es wäre allerdings ein wenig seltsam, wenn sie beispielsweise nur  eine „Ehe für Schwule“ einfordern würde. Deshalb ist Pink Cross eine Organisation, die sich vor allem für die Anerkennung homosexueller Paare einsetzt. – Das müsste die LOS und das gesamte Lesbenvolk doch glücklich machen, wenn es eine Organisation gibt, die sie in der Öffentlichkeit vertritt, oder? Nun, wie soll ich das ausdrücken?  NEIN! Und zwar aus folgenden Gründen:

Die Zauberwörter heissen Sexismus und Intersektionalität.

„Unter Intersektionalität wird dabei verstanden, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation oder Klasse nicht isoliert voneinander konzeptualisiert werden können, sondern in ihren ‚Verwobenheiten’ oder ‚Überkreuzungen’ (intersections) analysiert werden müssen.“

Aus: Walgenbach, Katharina (2012): Intersektionalität als Analyseperspektive heterogener Stadträume. In: Scambor, Elli/ Zimmer, Fränk (Hg.): Die intersektionelle Stadt. Geschlechterforschung und Medien an den Achsen der Ungleichheit. Bielefeld, S. 82.

Lesben sind – oh welche Erkenntnis – gleichzeitig auch Frauen. Leider muss man diese Tatsache immer wieder betonen. Sie werden also nicht nur diskriminiert, weil sie lesbisch sind, sondern auch benachteiligt, weil sie Frauen sind. Wer hier Mühe mit der Argumentation hat, sollte dringend den Begriff „Patriarchat“ googeln. (Sexistische) Diskriminierung und Sexismus sind komplexe Mechanismen, die täglich reproduziert werden. Davon sind auch Angehörige einer LGBT-Community nicht ausgeschlossen. Nun, es ist ja grundsätzlich eine sehr schöne Sache, wenn eine Schwulenorganisation, die vor allem privilegierte weiße Männer vertritt, der LGBT-Community eine Stimme geben will (oder zumindest von den Medien als so offen wahrgenommen wird). Problematisch wird es, wenn dies die einzig wahrgenommene Stimme ist, und sich lesbische Frauen selbst von einer Organisation wie Pink Cross besser vertreten fühlen als von der Lesbenorganisation Schweiz. Frauen hatten schon immer mit ihrer Unsichtbarmachung zu kämpfen. Das hat wenig mit mangelnder Öffentlichkeitsarbeit oder finanziellen Mitteln zu tun. Sicher, das sind auch relevante Faktoren und der LOS kann ruhig vorgeworfen werden, dass sie lange geschlafen hat. Aber dieser Dornröschenschlaf ist schon seit Monaten vorbei. Die LOS zeigt immer wieder Präsenz: Beispielsweise auf der Pride in Fribourg und Zürich, am Gay West Festival in Bern oder durch die Beteiligung an Projekten wie die LGBT+ Helpline Schweiz oder SOS. Darin sind übrigens auch Organisationen wie TGNS involviert. Aber das wissen die meisten wohl nicht. Denn für die Medien scheinen privilegierte, weiße Schwule ausreichende Repräsentanten für eine Community zu sein, die vielfältiger nicht sein könnte. Jüngste Beispiele für einseitige Berichterstattung sind zum einen der Artikel vom 20. Juni 2016 im Migros-Magazin, zum anderen die Artikel zum trans*- und homophoben Vorfall in Orlando. In der Print-Ausgabe des MM war kein Wort darüber zu lesen, dass auch LOS, TGNS, PinkCop, Du bist Du und Queeramnesty Projekt-Partner sind. Die Organisationen wurden in der Online-Ausgabe erst nachträglich hinzugefügt. Was die Artikel zu Orlando betrifft, muss sich die BLICK-Zeitung, welche die Medienmitteilung der LOS als Kampfansage an Schwule inszeniert, an die eigene Nase fassen. Am 13.6.2016 schrieb sie über ein Attentat auf einen „Schwulen-Club“. Tatsache ist, dass im Pulse auch Trans*Menschen und Lesben anwesend waren. Dass in den Medien nur Schwule genannt werden, wenn eigentlich auch Lesben gemeint sind, ist kein neues Phänomen. Ähnlich, wie wenn Frauen angeblich mitgedacht sind, wenn das generische Maskulinum gebraucht wird (z.B. wird Lehrer geschrieben, wenn Lehrerinnen und Lehrer gemeint sind). Das ist traurig. Noch trauriger ist, dass Trans*Menschen oft komplett vergessen werden.

Einer, der die Kritik der LOS verstanden hat, ist Daniel Frey von gayRadio. Ich empfehle deshalb die Lektüre folgenden Blogeintrags „Nicht nur Lesben sauer auf die Presse“: http://stinknormal.ch/2016/07/19/nicht-nur-lesben-sauer-auf-die-presse/

Und dafür setzt sich die LOS immer wieder ein. Damit auch Minderheiten innerhalb von Minderheiten sichtbar werden. Es ist kaum zu übersehen, dass auch die LOS sich für LGBT-Anliegen  und mehr Vielfalt einsetzt. Wir leben diese Vielfalt, haben people of color, kleine, große, dicke, dünne, alte, junge Menschen, cis- und trans*gender-Frauen im Vorstand. Aber wir würden uns nie anmassen, auf einmal für die gesamte Trans*Community zu sprechen. Dafür gibt es glücklicherweise kompetente Organisationen wie TGNS. Es gilt nicht, eine einzige gemeinsame Identität zu finden, da Vielfalt ein wesentlicher Bestandteil der LGBT-Community ist und man meiner Meinung nach Macht-Ungleichgewichten am besten entgegentreten kann, wenn jeder Gruppe eine Stimme verliehen, anstatt dass sie mundtot gemacht wird. Wenn Schwule und andere allerdings „typisch LOS“ schreien und der Meinung sind, dass sich die LOS zufrieden geben muss, wenn vor allem Pink Cross ihr eine Stimme verleiht, tun sie genau das. Die LOS hat eine eigene Stimme. Sie ist in den letzten Monaten lauter geworden und das ist auch gut so. Das bedeutet nicht, dass sie „sauer“ oder „beleidigt“ ist. Aber diese alte Leier kennen wir auch: Frauen, die selbstbewusst auftreten, die unangepasst und unbequem sind, werden als zickig, böse, hysterisch, oder gar als hässliche Femi-Nazis abgestempelt.

Die Berufung auf eine gemeinsame Identität mag auf den ersten Blick sinnvoll erscheinen, um politische Ziele nach aussen zu vertreten und zu erreichen. Sinnvoll wäre, um es mit Judith Butler auszudrücken, eine Allianz von Individuen und Gruppen, die zwar nicht frei von Auseinandersetzungen sind, aber selbstreflexiv und selbstkritisch damit umgehen können.

Warum ich keine Frauenliteratur schreibe

Mein Debütroman „Ein letztes Mal wir“ ist nun seit sechs Wochen im Handel erhältlich. Seitdem haben mich zahlreiche wunderschöne Rezensionen erreicht, Facebook-Nachrichten und E-Mails von Menschen, denen mein Buch gefällt. Ich spreche an dieser Stelle absichtlich  von Menschen und nicht nicht nur von lesbischen Frauen, weil bisher auch heterosexuelle Männer und Frauen, Trans*Menschen und Schwule mein Buch in den Händen gehalten und gelesen haben. Besonders erfreut war ich über folgende Worte einer Rezensentin, die mich kürzlich erreicht haben:

„Dieser Roman war meine erste gelesene Liebesgeschichte über zwei lesbische Frauen, die den Alltag als verheiratete Frauen teilen. Mit diesem Roman gab mir die Autorin einen Einblick in die Welt lesbischer Beziehungen, Gefühle und Alltäglichkeiten. Mich berührten der Humor der Charaktere, die beschriebenen Gefühle zwischen den Frauen und auch die Ernsthaftigkeit, die in dieser Geschichte stecken. Eine schöne Geschichte über die Liebe und die Selbstbestimmung über das Leben hinaus.“

Heute entdeckte ich darunter mit Erstaunen folgende Kommentare von zwei unterschiedlichen Menschen:

„Schön das (sic!) es dir so gut gefallen hat. Für mich ist es wohl eher nichts.“

„Ich weiß nicht, ob ich unbedingt einen Roman über eine Gleichgeschlechtliche Liebe lesen will. Die Schauplätze locken mich jedoch…“

Nur, damit das klar ist: Ich erwarte nicht, dass jede*r an meinem Roman Gefallen findet. Jedoch frage ich mich, welche Lebenskonzepte und Vorstellungen hinter solchen Aussagen stecken.

Wenn man Glück hat, findet man in den größten Buchhandlungen der Schweiz vielleicht ein halbes Regal zu Literatur mit homosexuellen, queeren und Trans*gender Menschen als Protagonist*innen. In den restlichen Büchern geht es um Figuren, die sich als heterosexuell identifizieren. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören Werke wie Harry Potter, Twilight, Die Tribute von Panem, aber auch Faust, Die Leiden des jungen Werther, Sturmhöhe, Effi Briest und Homo Faber. Ich könnte die Liste unendlich fortsetzen. In all diesen Werken sind die Hauptfiguren heterosexuell. Hätte ich in meiner Jugend gesagt, dass ich nicht weiß, ob ich über heterosexuelle Liebe lesen will, weil ich anders empfinde, dann wäre ich heute wahrscheinlich ziemlich in meinem Wissen eingeschränkt. Ich habe all diese Werke nicht mit weniger Spannung oder Interesse gelesen, habe mich nicht geekelt vor den darin enthaltenen Sexszenen oder das Gefühl gehabt, dass die darin beschriebenen Welten nichts mit mir zu tun haben. Fakt ist, dass wir Menschen unabhängig  von der sexuellen Orientierung und Genderidentität alle die gleichen Empfindungen haben. Ich lese Bücher vor allem, weil mich die Geschichte und/oder ein bestimmtes Thema interessiert. Ich lasse ein Buch nicht in der Buchhandlung liegen, nur weil die Figuren heterosexuell sind. Deshalb bin ich auch so erstaunt darüber, dass vielen Lesenden die Lebenswelten von LGBT*-Menschen so fremd vorkommen. Ich verstehe mich auch nicht als Autorin, die Frauenliteratur oder Literatur für Lesben produziert. Was ist schon Frauenliteratur? Literatur, die von Frauen geschrieben ist? Aber was soll eine Frau genau sein? Und warum ist diese Information überhaupt relevant in diesem Kontext? Ist Frauenliteratur Literatur für Frauen? Können wir uns nicht endlich von der Vorstellung trennen, dass Frauen sich vor allem für bestimmte Themen oder Genres interessieren? Dass sie überhaupt andere Interessen haben als Männer, und das nur, weil sie eben Frauen sind? Ist Frauenliteratur Literatur über Frauen? Auch hier distanziere ich mich von dieser Definition. Mein Buch ist über Menschen, über Sterbehilfe, über Liebe und Trauer. Klar, die Protagonistinnen sind zwei lesbische Frauen. Aber über sie habe ich geschrieben, weil sie Teil meiner eigenen Lebenswelt sind und ein Recht darauf haben, sichtbar zu sein. Wir leben in einer Welt der Vielfalt. Diese Vielfalt will ich in meinen Büchern zeigen und ich hoffe, dass sie niemanden davon abhalten wird, sie deshalb zu lesen.

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Mit Erscheinen meines Debütromans Ein letztes Mal wir werden die einen oder anderen bestimmt meinen Namen googeln und sich über meine Person informieren wollen. Heute beantworte ich deshalb die Fragen aus dem berühmten Fragebogen von Max Frisch (1966):
1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Nein, ich bin mir nicht sicher.
2. Warum?
Einerseits hat der Mensch eine Verantwortung für die Welt, auf der er lebt. Und ich übernehme die Verantwortung, solange ich hier auf der Erde bin. Andererseits: Was kümmert mich, wie die Welt aussieht, wenn ich eines Tages nicht mehr bin? Die Dinosaurier haben die Welt 170 Millionen Jahre lang beherrscht. Für sie war es irgendwann auch vorbei. Ich denke, wir Menschen nehmen uns viel zu wichtig.
3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Ich habe keine Kinder. Diese Frage ist seltsam.
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Bisher bin ich mit allen klargekommen. Es gibt aber bestimmte Menschen, von denen ich weiß, dass ich ihnen nie begegnen möchte.
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Nein.
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Nein, das wäre ein Alptraum. Es ist gut und gesund, dass manche Dinge in Vergessenheit geraten.
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Keiner ist unersetzbar. Ein Idiot findet sich immer.
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Meinen Bruder. Er ist 2014 an Krebs gestorben.
9. Wen hingegen nicht? 
Wie bereits erwähnt: bisher bin ich mit allen klargekommen.
10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Wünschenswert wäre es, Begriffe wie Kultur oder Nation ganz abzuschaffen und ein wenig offener zu denken. Ansonsten wäre ich gerne Teil der Zauberwelt Harry Potters, aber ich leider bin doch nur ein Muggel. Jedi-Ritter wäre auch ganz cool.
11. Wie alt möchten Sie werden?
Das entscheide ich spontan.
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
Nein.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
Die Kunst liegt darin, die Mehrheit dazu zu bringen, das zu wollen, was man selbst als richtig erachtet. Dann gibt es auch keine Widerstände.
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Ich hasse grundsätzlich nicht.
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
Ich werde 33 und bin immer noch der Meinung, mit jedem Tag klüger zu werden.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Ich kann sehr überzeugend sein.
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: Wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
Ich nehme es den Leuten übel, wenn sie unehrlich sind. Andere nehmen wir wohl übel, dass ich nie Zeit habe. Dafür entschuldige ich mich oft.
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Nein. Ich würde es ja nicht wissen.
19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, dass der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
Ich würde ihn sprechen lassen. Nur schon, um wieder seine Stimme in meinen Ohren zu haben.
20. Lieben Sie jemand?
Ja.
21. Und woraus schließen Sie das?
Ich würde für sie mein Leben opfern.
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, dass es dazu nie gekommen ist?
Ich hatte bisher noch nie einen Grund dazu. Menschen töten jeden Tag andere Menschen. Es wäre dumm von mir anzunehmen, ich sei ethischer, emphatischer, besser. Oder gar selbstbeherrschter. Ich kann mir durchaus Situationen vorstellen, in denen ich bereit wäre, einen Menschen zu töten. Um es mit Stephen King zu sagen: „Monsters are real, and ghosts are real. They live inside us and sometimes they win.“ Wer sich diese dunkle Seite nicht eingesteht, hat Angst vor der Wahrheit.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
Eine bequeme Matratze.
24. Wofür sind Sie dankbar?
Dafür, dass ich bestimmte Menschen kennenlernen durfte. Und für meinen Verstand.
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?
Ich wäre manchmal gern meine Katze. Sie ist gesund, niedlich und zahlt keine Miete.

Siehst du mich, Big Bro?

Wer „Ein letztes Mal wir“ bereits in den Händen gehalten hat, fragt sich bestimmt, wer dieser Claudio ist, dem ich auf Seite 5 mein Buch widme. Nun, ich mache kein großes Geheimnis daraus. Claudio war mein Bruder. Er starb am 18. August 2014 an Krebs im Alter von nur 46 Jahren. Genau wie meine Protagonistin Meike bekam er nach einem bösartigen Tumor an der Niere zusätzlich Lungenkrebs. Zwischen Diagnose und Todestag lagen etwas weniger als sechs Monate. Kurz vor seinem Tod sagte ich ihm, dass sich der Querverlag für mein Projekt interessierte. Er freute sich für mich und mit mir.

Mein Bruder war ein (Lebens-)Künstler, hatte sich in der Jugend selbst das Keyboard-Spielen beigebracht, komponierte eigene Songs und schrieb Gedichte. Claudio verstand mich. Er wusste, was es bedeutet, einen Traum zu verfolgen. Uns kam zu Beginn seiner Krankheit die Idee, einen gemeinsamen Roman zu verfassen. Seine große Stärke war die Fantasie, meine der sichere Umgang mit der deutschen Sprache. Wir trafen uns, generierten erste Ideen. Dann wurde mein großer Bruder mit jedem Tag schwächer. Schnell war klar, dass wir es nicht mehr schaffen würden, den Plot oder die Figuren fertig durchzudenken. Wir schafften es ja kaum noch, miteinander zu reden. Das einzige, was wir am Ende noch tun konnten, war schweigend Händchen zu halten. Ich versprach ihm, die Notizen aufzubewahren und eines Tages den Roman für beide fertig zu schreiben. Er freute sich. Ich denke, ich werde noch ein wenig Zeit brauchen, bevor ich wieder bereit bin, mich mit dem Projekt zu befassen. Aber ich werde es tun.

Dass ich über Krebs und Sterbehilfe schrieb und mein Bruder ausgerechnet in jener Zeit erkrankte, ist Zufall. Vor allem nach seinem Tod musste ich, mitten in der Trauerphase, eine wichtige Entscheidung treffen. Entweder das Manuskript auf Eis legen oder weiterschreiben. Ich entschied mich fürs Weitermachen. Für mich war allerdings klar: Ich wollte weder ein stark autobiographisches Buch noch ein trauriges oder deprimierendes verfassen. Und so wurde „Ein letztes Mal wir“ beides. Ein Buch, dass die Menschen berührt, sie zum Nachdenken anregt, sie zum Weinen, aber auch sehr häufig zum Lachen bringt.

Als im letzten Oktober die Zusage vom Verlag kam, ging ich in den Friedwald, in dem Claudio unter einem Ahornbaum liegt, und erzählte ihm, den Baumstamm umarmend und in Tränen aufgelöst, von meinem Erfolg. Mein Buch ist seit zwei Tagen im Handel. Ich bin begeistert, und doch macht mich die Veröffentlichung auch nachdenklich. Claudio wird mein Buch nie anfassen, es nie lesen können. Er wird nie über meine lustigen Passagen lachen, nie mit mir über die Themen, die ich in „Ein letztes mal Wir“ behandelt habe, diskutieren. Ich hoffe, dass wenigstens ganz viele andere an meinem Roman Freude haben werden. Der Gedanke, seinen Namen, auf Papier gedruckt, irgendwo in fremden Bücherregalen zu wissen, tröstet mich.

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Sprich „Jöttebooori“!

  • Kiruna
  • Nikkaluokta
  • Kebnekaise
  • Ladtojaure
  • Singistugan
  • Sälkastugan
  • Kungsleden
  • Abisko
  • Sälka
  • Göteborg
  • Tjäkta
  • Alesjaurestugan
  • Alisätno
  • Kieron
  • Holmqvist

Das ist nicht etwa der Reiseplan für die kommenden Ferien. Es ist die Liste mit Ortschaften und Namen aus „Ein letztes Mal wir“, die es von nun an korrekt IMG_7037auszusprechen gilt, damit ich mich zukünftig nicht vor meinem Publikum blamiere. Sami, Schwedisch… Alles nicht ganz einfach! Zum Glück bekam ich Unterstützung von meiner ehemaligen Schwedisch-Lehrerin an der Uni. Heute übten wir per Telefon die ganze Liste.
Ich habe mich dabei ziemlich dumm angestellt. Erst habe ich den persönlichen Termin bzw. die Sprechstunde vergessen, dann war mir das Reden am Telefon ziemlich unangenehm, weil ich 1. peinlich berührt war aufgrund meines Versäumnisses und ich 2.am Telefon ziemlich schüchtern bin. Jedenfalls war Frau S. sehr freundlich und zuvorkommend und nach zwölf Minuten waren wir auch schon durch. Jetzt muss ich erst mal mein verschwitztes T-Shirt auswechseln. Oder glaubt ihr etwa, es sei einfach, Wörter wie „Alesjaurestugan“ auszusprechen? Das Gespräch verlief übrigens ungefähr so:

„Lesen Sie vor.“

„Göööteborrrrg.“

„Ich würde Jöttebori sagen.“ 

„Also gut. Jetteboooorgi.“

„Jöttebooori.“

„Gut, weiter. Singistugan.“

„Ich würde es Singistügan aussprechen…“

„Argh!“
Na ja, 2 von 15 Begriffen habe ich intuitiv richtig ausgesprochen. Die mit nur zwei Silben. Aber he, immerhin!
Falls ihr überprüfen wollt, ob ich wirklich auch geübt habe, könnt ihr eine meiner zahlreichen Lesungen (www.loviscassaris.com/kalender) besuchen und mich hinterher zu einem Cognac einladen. Ich freue mich!